Mittwoch, 26. August 2009

works (37) - gloves


2006: "daß die Zeit ein umgestülpter Handschuh sei" (embroidery on paper, 20cm)

Odradek, 1919

Die Sorge des Hausvaters

Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.
Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfitzte Zwirnstücke von Verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.
Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.
Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn - schon seine Winzigkeit verführt dazu - wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek«, sagt er. Und wo wohnst du? »Unbestimmter Wohnsitz«, sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.
Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.
Franz Kafka

hommage (9) - Franz Kafka. 1883-1924


"Wie viel Worte in dem Buche stehn! Erinnern sollen sie! Als ob Worte erinnern könnten!

Denn Worte sind schlechte Bergsteiger und schlechte Bergmänner. Sie holen nicht die Schätze von den Bergeshöhn und nicht die von den Bergestiefen.

Aber es gibt ein lebendiges Gedenken das über alles Erinnerungswerte sanft hinfuhr mit kosender Hand. Und wenn aus dieser Asche die Lohe aufsteigt, glühend und heiß, gewaltig und stark und Du hineinstarrst , wie vom magischen Zauber gebannt, dann ----
Aber in dieses keusche Gedenken da kann man sich nicht heineinschreiben mit ungeschickter Hand und grobem Handwerkszeug, das kann man nur in diese weißen , anspruchslosen Blätter. Das that ich am 4.September 1900."

what we almost lost (6)


Bambi, seen by David Lynch

works (36) - so frightened


2005: "et la peur" (embroidery on paper, mixed with drawing, 23 x 31cm)

works (35) - drowning by numbers


2005: "g a n z die Ihre" (plastic bag, flower, embroidery on photography, 17 x 13cm)

Dienstag, 25. August 2009

hommage (8) - Jacques Derrida. 1930-2004.

...His "final words" were published in the Critical Inquiery. The picture that was left is an image of his scribbled card. The words translated are as follows:
"Jacques wanted no rites and no orations. He knows from experience what an ordeal it is for the friend who takes on this task. He asks me to thank you for coming and to bless you. He beseeches you not to be sad, to think only of the many happy moments you gave him the chance to share with him.
Smile for me, he says, as I will have smiled for you until the end.
Always prefer life and constantly affirm survival...
I love you and am smiling at you from wherever I am."
Tiger, tiger, burning bright,
In the forest of the night...
William Blake

works (34) - my adidas


2008: "unconscious in Versailles" (embroidery on postcard and paper bag, 30 x 20cm)

works (33) - Fanny

2008: "suis je..." (embroidery on paper, mixed with drawing, 70 x 20cm)

works (32) - Vienna


2008: "ZĒNS UND LIDOTĀJS" (embroidery on paper, mixed with drawing)

how to travel

Ohne Netz und doppelten Boden: Über das Reisen.

Wenn wir eine zeitlang ein Leben gelebt haben, das uns beunruhigt und einengt und plagt, dann gibt es nichts besseres als eine kurze Abwesenheit: eine Reise. Man kann nicht reisen, um vor sich selbst zu flüchten, das ist unmöglich, nun ja, aber es gibt unendlich viele Reisen und Reisemöglichkeiten durch die Welt und über die Welt hinaus-
Je partirai! Ich werde reisen! hat noch Mallarmé ausgerufen. Das war 1865, das ist lange her: „Das Fleisch ist müde, ach! Alle Bücher sind gelesen. / Entfliehn! Hinweg! Ich such der Vögel trunknes Wesen...“ undsoweiter. Wohin soll die Reise gehen? Welcher Region des Erdballs sollte man den Vorzug geben? In einer hartnäckigen Unruhe richtet jeder sich nach seinen Sehnsuchtsorten aus: Dakar, Santiago, die Borromäischen Inseln, Java, Tananarive, je weiter umso besser und einmal um den ganzen Globus, eine Reise um die Welt in 80 Tagen, eine Zahl nur der Verständigung wegen, und weil sie Jules Verne und seinem Phileas Phogg so gefallen hat.
Aber wie, wenn es gar nicht darum geht, in die Südsee aufzubrechen? Könnte es nicht sein, dass jemand um den ganzen Globus gejagt und gereist ist und doch gar keine wirkliche Reise gemacht hat? Und was wir suchen, befindet sich nicht notwendigerweise auf der anderen Seite der Welt. Warum reisen wir? „Wir reisen, soviel ich weiß, nicht zu unserem Vergnügen. Wir sind blöd, aber so blöd sind wir nun doch wieder nicht“, sagt Samuel Becketts Reisender Camier.
Es gibt nicht nur Reisen um die Welt und in die Ferne. Denken und träumen und lesen heißt auch reisen. „Reise um den Tag in 80 Welten“ - das Wehen und Wandern eines Gedankens kann die ganze Weltkarte auf den Kopf stellen. Es gibt andere Wege, andere Intensitäten. Diese Art des Reisens ist nichts für den, der die Boulevards liebt, die breiten Straßen. Dieses Reisen findet außerhalb der bekannten Navigationslinien statt, und die Küsten sind in Dunst und Nebel. Ohne Reiseführer begibt sich der Reisende in eine Landschaft, in der es keine Straßen und Wege mehr gibt. „Zones vagues“ - Orte im Zustand der Erwartung. Jetzt heißt es, das Bild und die Empfindung von der Welt auszuweiten, der Geist setzt sich in Bewegung und erfährt die glückselige Gefahr von Improvisation und Spiel.
Es gibt seltsame Reisen in der Stadt, bewegungslose Reisen an Ort und Stelle. Mikro-Reisen. Xavier de Maistre hat am Ende des 18. Jahrhunderts ausgedehnte Entdeckungsreisen durch sein Zimmer unternommen. Die Vorteile solchen Reisens liegen auf der Hand: Jeder kann in seinem Zimmer reisen, vorausgesetzt, er besitzt ein Zimmer. Es kostet nichts, weder Mühe noch Geld, vor schlechtem Wetter und Gefahren aller Art ist man gefeit, und hin und wieder trifft man sogar auf eine Überraschung, wie zum Beispiel auf dem Tisch: Welch ein Duft! Kaffee! Sahne! Und eine Pyramide gerösteter Brotscheiben! De Maistre war Tag und Nacht unterwegs, abwechselnd zu Fuß oder mit seinem Pferd (einem Holzpferd, versteht sich). Ohne Plan und Ziel, diagonal und zickzack - und ganz nach Bedarf auch in allen möglichen geometrischen Linien.
Doch einer der berühmtesten immobil Reisenden heißt Fernando Pessoa. Er verbrachte viel Zeit in seinem möblierten Zimmer am portugiesischen Rand Europas. In seiner Freizeit war er Dichter. Und Verwandlungskünstler: Irgendwann hat er sich einfach vervielfacht, in viele andere Halbschatten seiner selbst, die er „Heteronyme“ nannte. Sie sind „nach innen explodiert“ - eine ganze inwendige Schar von Freunden, tätig von 1914 bis 1935, dem Todesjahr ihres Erfinders. Diese anderen würden für ihn leben und lachen und das doppelte von dem trinken, was er selbst jemals wagen würde. Mit ihnen würde er reisen. Und er reist. Doch einen Zug nach Paris, Madrid, Wien oder noch weiter in die Welt hinaus hat er nie bestiegen. Er ist auf seine Weise gereist. Und er hat unablässig und wie besessen Routen und Reisewege durch die Welt gesucht. Pessoa ruft das wahre Reisen aus! Existieren ist ihm reisen genug: von Tag zu Tag wie von Bahnhof zu Bahnhof im Eisenbahnzug seines Körpers, seines Lebens, seines Schicksals bewegt er sich durch seine eigene innere Geographie, durch sein „inwendiges Portugal“. Und was er dann sieht, ist nicht das, was er sieht, sondern das, was er ist. Tastende Entdeckungsreisen an den Rändern der eigenen Existenz: Reisen heißt doch, sich mit dem Unbekannten messen. Etwas Nomadisches ist in jedem von uns, eine ungefestigte Spur, wie eine Nostalgie, eine alte Möglichkeit. Etwas pulst, und diesem Rhythmus können wir folgen. Auf diese Weise ist Pessoa unentwegt aufgebrochen, zu nie unternommenen Reisen, manchmal in der Dämmerung oder im Zwielicht eines vagen Herbstes. Das rituelle Ziel seiner Reisen: nicht existente Häfen, gelegen an unweigerlich unwirklichen Städten, bereist mit dem Dampfer „Namenlos“. Er hat bereits alles gesehen, was er nie gesehen hat – er hat mehr als alle Meere durchkreuzt, neue Europas entdeckt, ist von einer Himmelsrichtung zur anderen gefahren, er hat die Ufer von Flüssen überschritten, deren Namen er nicht kannte - und sein Leben lang das Maß überschritten.
Nach all seinen Wegen sucht der Reisende schließlich Unterschlupf in einem Strom von Worten. Doch es kann und möchte nicht alles gesagt, benannt und ausgesprochen werden. Alle Reisen und Recherchen haben ihr Ziel und Wollen erreicht, wenn aus ihnen etwas erwächst, was vielleicht eine Art „Gedicht von der Welt“ sein könnte – Gerüche, Farben, Töne und ein paar Worte nur, ihr Klang und ihr Rauschen. Und dann ist Reisen so einfach wie nichts auf der Welt. Man muss sich nur an eines halten: Wie auch immer und wohin auch immer Sie reisen - reisen Sie intensiv!
YVONNE GEBAUER

far calls coming far



"...die Reserven an Weisheit, die das Humanum braucht, um sich selber zu verteidigen..."

Johann Baptist Metz

works (31) - about vanishing

2006: "ja, und schließlich ist sie der Welt immer mehr abhanden gekommen" (embroidery on handkerchief, 25 X 25cm)

works (30) - all about her


2003: "ihre Augen schließen sich" (embroidery on plastic and paper, 20 x12 cm)

hommage (7) - Federico García Lorca. 1898 - 1936


SORPRESA
Muerto se quedó en la calle
con un puñal en el pecho.
No lo conocía nadie.
¡Cómo temblaba el farol!
Madre.
¡Cómo temblaba el farolito
de la calle!Era madrugada. Nadie
pudo asomarse a sus ojos
abierto al duro aire.
Que muerto se quedó en la calle
que con un puñal en el pecho
y que no lo conocía nadie.

august 18th, 1936....

works (29) - another country


2006: "in einem Land, das keinen Namen hat" (plastic, embroidery on plastic and photography, 15x20cm)

works (28) - how come?


2005: "vielleicht ist das ein Anfang, vielleicht ist das ein Ende" (plastic, embroidery on photography, 40x20cm)

enter the ghost / enter the host

Das Theater – eine Gespensterkunde.

Ein alter Spuk geht um. Es ist nach Mitternacht, bitterkalt und finster. Bis auf das fahle Licht der Sterne. Alles ist in Nebel gehüllt und hinter Wolken verborgen. Auch die Wahrheit. Ein alter Spuk geht um, wir sind im Theater. Und wir erwarten das Herannahen einer erneuten Erscheinung.
Im Theater, da wimmelt es nur so, ganze Generationen von Gespenstern und Wiedergängern bevölkern die Bühnen - Leichentücher, herumirrende Seelen, gellendes Gelächter .... Schreie ... feierliche Schwüre ... und dann diese Augen, so viele Augen, die uns unsichtbar belauern. Die Gespenster statten uns einen Besuch ab. Besuch um Besuch. Immer wieder täuschen sie vor, ihren Wohnsitz bei uns zu nehmen, einen ganzen Abend lang, und wir laden sie gastfreundlich ein. Sie kommen, um uns zu sehen. Und um gesehen und gehört zu werden. Sie verraten, was sie auf dem Herzen haben und erzählen von sich, von vergänglichen Freuden und Leiden und von Imperien, die sterben und entstehen, immer wieder, als ob nichts dabei wäre.
Da gibt es die schönen jungen Frauen, so jung schon seit vielen hundert Jahren, und sie werden immer jung sein, bis ans Ende aller Theatergeschichten und bis ans Ende aller Geschichten. So wie Ophelia, „die der Fluss nicht behalten hat“ oder Pamina, die immer wieder singen und den Tod sich wünschen wird - „Fühlst du nicht der Liebe Sehnen, so wird Ruh im Tode sein“. Am Ende wird sie immer gerettet, denn wir sind im Theater. Und dann die Männer: selten so zauberhaft, doch einige von ihnen werden die Welt retten und andere sind tragische Helden so manches Mal - Figuren, in deren Gesichtern alle Fabeln der Welt wahr werden.
Im Theater, da hören wir die alten Worte, wieder und immer wieder, und in der Oper, da hören wir die alten Lieder, wieder und immer wieder. Die Geister suchen uns heim und belagern uns, Theaterabend um Theaterabend: Enter the Ghost, exit the Ghost, re- enter the Ghost. Auch die Gespenster sind einmal müde geworden, nun haben sie aber sehr wohl Lust weiter zu atmen. Oder zu seufzen. Auch nach dem letzten Atemzug, denn wir haben es hier mit Untoten zu tun. Und sie hausen weiter in unseren alten, abgelebten, überlebten Theater- und Opernhäusern und sollen seit Jahrhunderten immer wieder mit neuem Atem zum Leben erweckt werden. Es gibt die Gespenster, und man muss mit ihnen rechnen. Das Theater - eine Gespensterkunde.
Wie lebt ein Gespenst? Es hat kein wirkliches Dasein und doch: Ein Gespenst ist vollkommen da, ohne da zu sein. Es besetzt Orte, die weder ihm noch uns gehören. Es lebt am Rand der Zeit, ist weder tot noch lebendig, weder im Himmel noch in der Hölle, und es wartet auf seine Wiederkehr. Der Wiedergänger wird kommen, er wird auftauchen, flüchtig und ungreifbar - heimatlos im Heimatland.
Ein Gespenst betritt verstohlen die Szene, und „der hellste Himmel der Erfindung“ geht auf: Shakespeares „brightest heaven of invention“. Mit seinem Auftritt geht eine beunruhigende Fremdheit einher, eine andere Luft, ein anderer Atem - eine Störung. Etwas Unzeitiges tritt auf den Plan, etwas, das sich der Zeit nicht fügt. Das Gespenst nistet sich ein in unserem Jetzt, und es trägt eine andere Zeitrechnung in unsere Zeit hinein. Seine Existenz geht nicht vollständig in der Gegenwart auf, es bleibt ein Rest. Ein Rest von stetiger Unruhe. Das Gespenst durchquert fortwährend die instabile und kaum sichtbare Grenze zwischen der scheinbar so festgefügten Gegenwart und der Sphäre dessen, was abwesend, unwirklich und unbekannt ist. Es gibt zu denken und bringt etwas aus dem Lot: Die Welt dreht sich, und irgendwo gibt es Dinge, die ich nicht kenne.
Und manchmal, da sitzen wir im Theater und beginnen zu glauben, diese Geister seien ganz selbstverständlich lebendige und vollkommen gegenwärtige flexible, anpassungsfähige Zeitgenossen, als kämen sie nicht aus einer alten Zeit und einer rätselhaften Ferne, als würden wir sie genau kennen und verstehen wie unseren allernächsten Nachbarn - Irgendwann ist das Theater aus, und der Vorhang verhüllt die Schatten. Nach dem Ende befürchten und erhoffen die Zeugen der Geschichte eine Wiederkehr, dann again and again, ein Kommen und ein Gehen. Sie sind immer da, die Gespenster, auch wenn sie gar nicht existieren, auch wenn sie nicht sind, auch wenn sie noch nicht sind. Und so lassen wir sie sprechen, wir laden sie ein, zu uns zu sprechen: Erzähl noch mal, alte Träume, die wiederkehren, ein bestimmter Moment, der weit weit zurückliegt, eine ungeheure Zeit, ungeheure Zeiten. Und Lebewohl, auf bald und jeder seinen Horizonten zu -
YVONNE GEBAUER

encore une fois: daisy


disparu le 26. janvier 2009 à Frankfurt/Main

hommage (6) - Louise Bourgeois.


"...my art is a form of restoration..."

what we almost lost (5)


"Die Suche nach der verlorenen Zeit, kann - wie die Literatur - nur unendlich sein."
Jean-Francois Lyotard.

what we almost lost (4)


time was running.
years ago, before World War I.
found.

works (27) - Moby Dick


2008: "aber das ist noch längst nicht alles" (embroidery on paper, mixed with drawing, 70x50cm)

works (26) - in the line

2007: "the woods" (embroidery on paper, mixed with drawing, 70x50cm)
-----------------
The woods are lovely, dark, and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.
Robert Frost.


works (25) - the blind ones


2007: "und lacht ganz still" (embroidery on paper and photography, mixed with drawing, 45X30cm)

works (24) - the milky way


2007: "wonderful when you´re close" (embroidery on cardboard, mixed with drawing, 65x45cm)

works (23) - childhood memories


2008: "drôle de guerre" (embroidery on paper, mixed with drawing, 70x50cm)

works (22) - under water


2008: "mein liebes Seepferdchen" (embroidery on paper, mixed with drawing, 70x60cm)

hommage (5) - Paul Celan. 1920-1970.


"Alles ist weniger, als es ist, alles ist mehr."

works (21) - to listen carefully


2006: "lausch dem zweiten und jeweils zweiten und zweiten Ton" (plastic paper, flower, embroidery on paper and photography, 36x25cm)

hommage (4) - Hélène Cixous.


"N O S B L E S S U R E S"


Montag, 24. August 2009

works (20) - in winter

2007: "watercolours" (embroidery on paper, mixed with drawing, 70x50cm)

works (19) - about hiding


2005: "hide your memories" (embroidery on cardboard and photography, 24 x 12cm)

works (18) - Mozart


2006: "l´amour, la mort" (plastic bag, embroidery on photography, 28x12cm)

things we almost lost (3)


found in Vienna, waiting for being picked up

what we almost lost (2)


les deux soeurs, trouvé à Paris.

hommage (3) - Samuel Beckett.1906-1989


neither
to and fro in shadow from inner to outer shadow
from impenetrable self to impenetrable unselfby way of neither
as between two lit refuges whose doors onceneared gently close, once away turned fromgently part again
beckoned back and forth and turned away
heedless of the way, intent on the one gleamor the other
unheard footfalls only sound
till at last halt for good, absent for goodfrom self and other
then no sound
then gently light unfading on that unheededneither
unspeakable home

works (17) - l´amour


2006: "ich liebe immer was ich geliebt habe" (plastic bag, embroidery on paper and photography, 20x12cm)

works (16) - les vacances


2003: "den Sommer verbrachte ich fern der Stadt" (embroidery on paper, 20 x15 cm)

through a glass darkly

Wie in einem Spiegel.

Wie schreibt man über die Tapete? Die schöne Haut unserer Zimmer? Vielleicht, indem man sich erinnert. An Karin zum Beispiel.
Ingmar Bergman hat in einem Film von Karin erzählt. Wie ihr Gehör so empfindlich geworden ist. Und manchmal, da hört sie etwas, was gar nicht da ist. Hast du den Kuckuck gehört? Und wie die Vögel so unheimlich schreien bei Sonnenaufgang. Und manchmal hat sie das Gefühl, wie wenn sie irgendwo in der Einöde ausgesetzt sei, und Eulen fliegen nachts vorbei und rascheln und flattern und tuscheln und seufzen. Auch die Eulen sind nicht das was sie scheinen und seufzen wohl in manchen Nächten, ach.
Karin ist hellhörig geworden eines Tages. Sie hat etwas entdeckt, ein geheimes Wissen, was andere noch nicht wissen, was ihnen entgangen zu sein scheint, was nur sie weiß. Sie hat entdeckt, dass im Innern des Gebälks das Feuer nistet. Fremde Stimmen sprechen zu ihr. So sanfte und tröstliche Stimmen. Sie sprechen von einem Ort hinter der Tapete.
Diese Tapete kennen wir gut, sie ist uns vertraut aus all den schönen bürgerlichen Innenräumen, der Heimstatt der Gemütlichkeit und des Wohlsinns. Wir sind eingebettet von ihr, umhegt, umlebt, umrankt. Ganz umschlossen von Ornamenten der Behaglichkeit. Die Tapete, die die Welt zusammenhält. Horror vacui.
Könnte es sein, dass das zähe Leben dieser Zimmer, die wir unsere Behausung nennen, Risse hat, und dass daraus ein ganz anderer Zustand herausschaut?, denkt Karin. Eine seltsam beunruhigende Beobachtung: Eines Tages wird diese Tapete durchscheinend, wie feines Astwerk. Und die Wand gibt nach wie eine Hecke. Und es brennt lichterloh in dieser Tapete. Karin ist erst kürzlich durch diese Wand gegangen. Durch dieses Tapetenmuster hindurch.
Was könnte das wohl für ein Gefühl sein, so durch eine Öffnung in der Wand, ein kleines Loch im Schleier des Lebens hindurchzuschlüpfen? Ein Gefühl vielleicht wie wenn man etwas verkehrt ansieht. Wenn man eine Minute lang mit rückwärts gebeugtem Kopf nach links sieht. Da wird einem ganz unheimlich. – Aber es ist irgendwie, ja irgendwie schön. Sagt Karin. Und sie ist erstaunt über die fortwährende Unruhe der Dinge und alle Facetten des Wachseins.
Vielleicht fühlt es sich auch so an - wer hat das gesagt? - : „Man steht wie geschält zwischen den Dingen, von denen auch die schmutzige Rinde abgezogen ist“ – eine „jubelnde Weltschräge“. Wenn man jenseits dieser Grenze angelangt ist, dann gibt es keine Wiederkehr. Dieser Zustand ist unheilbar. Manch einer kann nicht wechseln zwischen den Orten. Und muss sich entscheiden.
Ganz hell ist es dort. Ein Glanz liegt auf allen Gesichtern. Als ob ein verborgenes Licht sie erleuchtete. Alle warten auf jemanden der da kommen soll. Und keiner von ihnen fürchtet sich. Was sich hinter der Tapete zeigt, das könnte ein dunkles Bild sein. „Wie in einem Spiegel“. Es könnte ein Gott sein. Aber auch ein Alptraum: der Gott als ein furchtbares Getier, eine monströse Spinne. Und sie kriecht über Karin hinweg. Ist das der Wahnsinn oder die eigentliche unerträgliche unbehauste Freiheit?
Was bleibt, sind die seltsamen Zeichen und unverständlichen Muster der Tapete in einem stillgelegten, abgewohnten und verwaisten Zimmer. Als gäbe es eine geheime Botschaft zu entziffern, eine fremde Sprache zu verstehen und endlich - „Wie in einem Spiegel“ – die Rätselschrift zu entziffern. Das Zimmer führt ungerührt sein Leben weiter. Karin setzt sich eine sehr dunkle Sonnenbrille auf. Und sieht sich ihrer Auflösung entgegen. YVONNE GEBAUER

works (14) - how it might be


2008: "mein mögliches Herz" (embroidery on paper, mixed with drawing, 65x45cm)

works (13) - death sentence

2008: "l´arrêt de mort" (embroidery on paper mixed with drawing, 60x60cm)

hommage (2) - Julio Cortázar. 1914-1984.


"Cambiar la realidad es en el caso de mis libros un deseo, una esperanza; pero me parece importante señalar que mis libros no están escritos, ni fueron vividos ni pensados con la pretensión de cambiar la realidad. Hay gente que ha escrito libros como contribución para una modificación de la realidad. Yo sé que la modificación de la realidad es una empresa infinitamente lenta y difícil. Mis libros no son funcionales en ese sentido. Un filósofo escribe un sistema filosófico convencido de que es la verdad y se supone que eso modificará la realidad, puesto que él supone que tiene razón. Un sociólogo establece una teoría y es lo mismo. Un político también pretende cambiar el mundo. En el caso mío el plano es muchísimo más modesto. Digamos que es Oliveira que habla; volvemos a uno de los temas constantes de Rayuela. Yo tengo la convicción profunda, y cada día que pasa la siento más profundamente, de que estamos embarcados en una vía, en un camino equivocado. Es decir que la humanidad se equivocó de camino. Estoy hablando sobre todo de la humanidad occidental porque de la oriental no sé gran cosa. Embarcados en un camino históricamente falso que nos está llevando directamente a la catástrofe definitiva, a la aniquilación por cualquier motivo: bélico, polución del aire, contaminación, cansancio, suicidio universal, lo que tú quieras. Entonces, en Rayuela sobre todo, hay ese sentimiento continuo de estar en un mundo que no es lo que debería ser porque—y aquí hago un paréntesis que me parece importante—, ha habido críticos que han pensado que Rayuela era un libro profundamente pesimista en el sentido de que no se hace en él más que lamentar el estado de cosas. Yo creo que es un libro profundamente optimista porque Oliveira, a pesar de su carácter broncos, como decimos los argentinos, sus cóleras, su mediocridad mental, su incapacidad de ir más allá de ciertos límites, es un hombre que se golpea contra la pared, la pared del amor, la pared de la vida cotidiana, la pared de los sistemas filosóficos, la pared de la política. Se golpea la cabeza contra todo eso porque es un optimista en el fondo, porque él cree que un día, ya no para él pero para otros, algún día esa pared va a caer y del otro lado está el «kibutz del deseo», está el reino milenario, está el hombre verdadero, ese proyecto humano que él imagina y que no se ha realizado hasta este momento. Rayuela es un libro escrito antes de mi toma de conciencia política e ideológica, antes de mi primer viaje a Cuba. Yo me di cuenta muchos años después que Oliveira es un poco como Lenin; y no tomes esto de manera pretenciosa. Es una comparación analógica, en el sentido de que los dos son optimistas, cada uno a su manera. Lenin no habría luchado todo lo que luchó si no hubiera creído en el hombre. Hay que creer en el hombre. Él es profundamente optimista, lo mismo que Trotsky. Así como Stalin es un pesimista, Lenin y Trotsky son optimistas. Y Oliveira a su manera mediocre y pequeña también lo es. Porque de lo contrario no hay más que pegarse un tiro o sencillamente seguir viviendo y aceptar todo lo bueno que hay en esta vida. El occidente tiene muchas cosas buenas.Entonces la idea general de Rayuela es la comprobación de un fracaso y la esperanza de un triunfo. El libro no propone ninguna solución; se limita simplemente a mostrar los posibles caminos para echar abajo la pared y ver lo que hay del otro lado."

works (12) - travelling around

2007: "Le voyage de Mercier et Camier" (embroidery on paper, 23x31cm)

works (11) - all those things


2007: "und all das" (embroidery on paper and photography, 30x20cm)

things retired

Die Dinge im Ruhestand: Über das Sammeln.

SAMMELN. Anhäufen, erwerben, horten, speichern, archivieren, erfassen, in Besitz nehmen, aufheben - Der Sammler führt eine merkwürdige Existenz. Sein Wesen ist obsessiv. Er liebt die Dinge. Und hat er sie einmal gefunden, und wirklich nur für sich gefunden, dann möchte er sich nie und nimmermehr von ihnen trennen. Da schmiegt er sich an jedes einzelne dieser Dinge, nimmt Kontakt auf zu ihnen, und als wollte er eine Zeit lang überwintern, stopft er seine Backen mit Vorräten voll, um vielleicht eines Tages zu erwachen mitten in einem schönen Frühling.
Aber wie kommt der Sammler zu seiner Sammlung? Geld und Sachverstand mögen jedem Sammler dienlich sein, sie allein führen ihn jedoch nicht zum Ziel. Ausgestattet mit einem feinen Gespür ist der wahre Sammler jederzeit auf Witterung, und manchmal könnte man meinen, eine geheimnisvolle Wünschelrute würde ihn zu dem jederzeit erwarteten Fund seines Lebens führen.
Der Sammler lebt ein Stück Traumleben – alles, was ihm zustößt, betrifft ihn und nur ihn. Die Dinge treten in sein Leben und beginnen, zu ihm zu sprechen. Ihn rührt das verlassen Nachdenkliche von vielen dieser Dinge, und manch eines hat schon schutzlos auf den Sammler gewartet, der ihm Asyl geben könnte. Und so schließt er jedes einzelne von ihnen aus der Verworrenheit und Zerstreuung der Welt im Bannkreis seiner Sammlung zusammen. Einsam und in nächster Nähe mit ihnen führt er ein glückliches Dasein, denn der Sammler hat das allertiefste Verhältnis zu den Dingen, das man überhaupt haben kann. Er liest in ihnen wie in einem Leben, und sie erzählen ihr Schicksal. Jedes auch nur kleinste Detail ist für ihn von Bedeutung: die Art und Weise ihrer Herstellung, die Persönlichkeit ihres Vorbesitzers, die Zeit und die Landschaft, aus der sie kommen.
Der georgische Regisseur Otar Iosseliani ist in seinem Film „Die Günstlinge des Mondes“ den Erlebnissen eines kostbaren Porzellangeschirrs nachgegangen - wie es seinen Weg von der Herstellung und Bemalung in einer Porzellanmanufaktur hin zu einem alten Schloss findet, dort in den kriegerischen Wirren eines fernen Jahrhunderts teilweise zerstört wird und zu Bruch geht, mitten in unserer Zeit in einer Auktion einen neuen Käufer findet und nun direkt in den Haushalt eines Waffenhändlers gerät, wo es von den Kindern des Hauses beim Spielen zerbrochen und vom Dienstpersonal in den Müll geworfen wird, um schließlich in den erfreuten Händen eines Müllmannes zu landen, der die zerbrochenen Einzelteile an eine überraschend interessierte Prostituierte weitergibt, die sich ihrer schließlich annimmt. Hier findet das Geschirr seine letzte Ruhe, so wie sich bei einem Sammler die Dinge einfinden, wenn sie nach einem langen und nützlichen Leben in den Ruhestand gehen. Denn eine Sammlung ist auch ein Ort der Erholung: aus diesen Tassen wird niemals wieder getrunken, jene Briefmarke muss nie mehr auf beschwerliche und unbekannte Reise gehen, und diese Münze muss niemals wieder zum Tauschobjekt werden.
Umgeben von so viel Nutzlosigkeit und Entspannung begibt sich der Sammler an manchen langen und lasziven Nachmittagen erwartungsvoll in die gespannte Stimmung, die seine Geschöpfe in ihm erwecken. Er blickt durch sie hindurch in eine Ferne und ist erfüllt von Bildern und Erinnerungen – an Länder, in denen er so vieles entdeckt, an Orte, in denen die Dinge existiert haben, und er entdeckt Nischen in der Zeit, um sich dort einzunisten und überzusiedeln in unzählige Schattenstädte - das Glück des Sammlers! Und wenn es schließlich Mitternacht geworden ist, beginnt der Sammler zu phantasieren, denn sammeln ließe sich ja noch so viel mehr – nicht nur die Erinnerungen an ein wildes und nie gelebtes Leben, und ach! auch nicht nur Briefmarken oder Münzen oder Tassen, nein, sammeln ließen sich auch alle jemals gewünschten Wünsche, um sie eines Tages zu erfüllen - oder die schönsten Worte der Welt, um sie wieder und wieder auszurufen ... oder ganze Stunden voller Erfüllung: wertvolle Schätze aus dem wirklichen Leben ... und vielleicht auch alle trostlosen Augenblicke, um sie miteinander bekannt zu machen, auf dass sie sich gegenseitig trösten oder ... oder... – und so wachsen die Möglichkeiten weiter und weiter, wie in einem immer unübersichtlicher werdenden Garten, in dem der Sammler hinter jedem Gewächs auf immer wieder neue Sammlungen stößt, um sich schließlich selig in ihnen zu verlieren. YVONNE GEBAUER

Sonntag, 23. August 2009

works (10) - telling stories


2006, "aber so fangen doch alle Geschichten an, wir ziehen aus, um nie wieder heimzukehren" (embroidery on paper and photography, 20x40cm)

works (9) - le silence


2005, "und um mich herum: Stille" (embroidery on cardboard and photography, 20 x17cm)

works (8) - and even if...


2006: "und auch wenn sie nichts sagte, sprach sie noch" (embroidery on paper and paperbag, 23x31cm)